Ab morgen entscheiden Millionen Beschäftigte über die Zukunft der Arbeit in Deutschland. Vom 1. März bis 31. Mai 2026 finden die turnusmäßigen Betriebsratswahlen statt. In den letzten Tagen vor dem Start haben Gewerkschaften und Politik die Mobilisierung massiv verstärkt. Sie sehen in der Wahl eine fundamentale Weichenstellung für Demokratie am Arbeitsplatz – und einen Schutzschild gegen Jobverluste in der Transformation.
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Die letzten Februartage standen im Zeichen eindringlicher Appelle. DGB-Chefin Yasmin Fahimi bezeichnete die Betriebsratswahlen als „Grundpfeiler der gelebten Demokratie im Betrieb“. Verdi-Vorsitzender Frank Werneke rief alle Wahlberechtigten auf, ihr Stimmrecht aktiv zu nutzen. Die politische Dimension geht weit über Tarifpolitik hinaus.
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas warnte kürzlich vor einem gefährlichen Zusammenhang: Wer sich im Betrieb nicht vertreten fühle, werde anfälliger für radikale politische Versprechen. Eine hohe Wahlbeteiligung sei daher auch ein gesellschaftspolitischer Auftrag. Die Wahlen werden so zum Stresstest für den sozialen Zusammenhalt.
Im Fokus der Wahlkampagnen steht die akute Verunsicherung durch tiefgreifenden Strukturwandel. IG Metall startete in Hochburgen wie Düsseldorf und Mannheim Kampagnen unter dem Motto, mit starken Betriebsräten „Arbeitsplätze zu sichern“. Der Tenor ist klar: In unsicheren Zeiten ist Mitbestimmung der beste Schutz.
Betriebsräte haben weitreichende Mitbestimmungsrechte – von der Arbeitszeitgestaltung über Sozialpläne bei Massenentlassungen bis zur Regelung von Überstunden. Angesichts des Umbaus in Schlüsselindustrien wie Auto und Telekommunikation argumentieren Gewerkschafter: Nur starke Gremien können einseitigen Kostenschnitten der Konzerne etwas entgegensetzen. Erfolgsgeschichten, in denen Betriebsräte betriebsbedingte Kündigungen verhinderten, dienen als Argument.
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Trotz der enormen Bedeutung laufen die Wahlen 2026 noch immer weitgehend analog ab. Obwohl die Ampelkoalition eine Modernisierung des Betriebsverfassungsgesetzes für digitale Wahlen angekündigt hatte, fehlt die gesetzliche Grundlage. Es gilt das Prinzip Urne und Briefwahl.
Das stellt besonders Unternehmen mit hybriden oder dezentralen Belegschaften vor logistische Probleme. Wahlvorstände müssen zudem eine fülle neuer Rechtsprechung beachten, etwa zur Wahlberechtigung von Matrix-Managern. In Kleinbetrieben bis 100 Mitarbeiter gilt ein vereinfachtes Verfahren, große Konzerne müssen den streng regulierten Standardweg gehen. Jeder Formfehler kann die Wahl anfechtbar machen.
Studien der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung belegen den Nutzen: Betriebe mit Betriebsrat lösen Konflikte früher und gestalten Transformation sozialverträglicher. In Zeiten des Fachkräftemangels wird eine kooperative Zusammenarbeit zwischen Management und Betriebsrat zunehmend als Standortvorteil gesehen.
Doch die Gründung neuer Gremien wird schwieriger. Gewerkschafter berichten von Widerstand insbesondere in Start-ups oder ausländischen Tochtergesellschaften, die das deutsche Mitbestimmungsmodell nicht kennen. Die Wahlinitiatoren sehen sich oft subtilen Behinderungen ausgesetzt.
Die neu gewählten Betriebsräte treffen auf einen vollen Aufgabenkatalog. Ganz oben stehen die Regulierung von Künstlicher Intelligenz im Arbeitsalltag, die dauerhafte Gestaltung von Homeoffice-Regelungen und die Verhandlung von Entgeltsystemen, die die anhaltende Teuerung abfedern. Das in dieser Wahlperiode errungene Mandat wird die Widerstandsfähigkeit des deutschen Arbeitsmodells für die nächsten vier Jahre prägen. Die Weichen werden ab morgen gestellt.
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