Eine der größten Serien von Atommülltransporten in der deutschen Geschichte hat begonnen. Der erste Konvoi mit hochradioaktivem Material erreichte heute früh sein Ziel in Ahaus – begleitet von massiven Protesten und einem enormen Polizeiaufgebot.
Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen startete am späten Dienstagabend der erste von insgesamt 152 Castor-Behältern vom ehemaligen Forschungsreaktor in Jülich. Die Verlagerung des strahlenden Erbes über rund 170 Kilometer durch Nordrhein-Westfalen ist eine direkte Folge der seit 2013 abgelaufenen Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager in Jülich. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) hatte die umstrittenen Transporte bereits im August 2025 genehmigt.
Der aktuelle Transportmarathon ist das Ergebnis eines jahrelangen Ringens um die hochradioaktiven Brennelemente. Das NRW-Wirtschaftsministerium ordnete die Räumung bereits 2014 an, nachdem die Erdbebensicherheit des Lagers nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Verschiedene Optionen, darunter ein Neubau in Jülich, wurden verworfen.
Die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN) beziffert die Kosten für die 152 Transporte auf mindestens 150 Millionen Euro. Hinzu kommen erhebliche Ausgaben für die Polizeieinsätze. Die JEN hält dies dennoch für die günstigere Lösung – im Vergleich zu geschätzten 400 Millionen Euro für einen Neubau in Jülich.
Im Vorfeld gab es intensive juristische Auseinandersetzungen. Die Umweltorganisation BUND versuchte, die Transporte zu stoppen. Ihre Hauptsorge: die Sicherheit der Behälter bei möglichen Drohnenangriffen oder anderen Störmaßnahmen.
Doch das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg wies einen Eilantrag Anfang März 2026 ab. Das öffentliche Interesse an der Räumung des seit Jahren ungenehmigten Lagers überwiege. Diese Entscheidung ist unanfechtbar und ebnete den Weg für die Transporte.
Die Durchführung erfordert einen immensen Sicherheitsaufwand. Beim ersten Konvoi waren nach Berichten rund 2400 Polizeikräfte im Einsatz. Dutzende Fahrzeuge sicherten den Schwertransport auf der geheim gehaltenen Route.
Entlang der Strecke kam es zu lautstarken Protesten und Blockadeversuchen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) NRW kritisierte die Transporte bereits im Vorjahr als „sinnlose Mammutaufgabe“. Die Politik umgehe die Endlagerfrage, indem sie Atommüll nur von einem Zwischenlager ins nächste verlege. Kritiker zweifeln zudem an der Eignung des Lagers Ahaus, eines der ältesten mit den dünnsten Wänden.
Parallel zu den innerdeutschen Transporten laufen internationale Verlagerungen. Erst am 23. März genehmigte das BASE einen weiteren Transport aus der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield nach Brokdorf. Solche Rücktransporte sind völkerrechtlich verbindlich.
Die langfristige Lösung, ein tiefengeologisches Endlager, lässt weiter auf sich warten. Deutschland hat 16 Zwischenlager, aber kein Endlager. Der 2017 begonnene Standortsuchprozess könnte sich bis nach 2070 hinziehen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) sieht etwa ein Viertel der deutschen Landesfläche als potenziell geeignet an. Das Bundesumweltministerium sucht nun nach Wegen, den Prozess zu beschleunigen.
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