Ein neuer Prüfbericht enthüllt massive Mängel beim Entlassungsmanagement. In 80 Prozent der untersuchten Kliniken fehlt professionelle Unterstützung durch Genesungsbegleiter.
Die österreichische Volksanwaltschaft präsentierte die Ergebnisse unangekündigter Prüfungen in 56 psychiatrischen Abteilungen. Demnach wird rund ein Drittel der Patienten zum falschen Zeitpunkt entlassen – entweder zu früh oder unnötig spät. Ein Hauptgrund: das Fehlen etablierter Peer-Support-Strukturen.
Ohne Begleitung durch sogenannte Genesungsbegleiter landen viele Patienten schnell wieder in der Klinik. Diese „Drehtürpsychiatrie“ belastet Betroffene und treibt die Kosten im Gesundheitssystem in die Höhe. Besonders einkommensschwache Personen leiden, da sie oft keine privaten Alternativen haben.
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Genesungsbegleiter sind Menschen, die selbst schwere psychische Krisen bewältigt haben. Nach einer speziellen Ausbildung fungieren sie als Brückenbauer zwischen Personal und Patienten. Sie spenden Hoffnung und zeigen: Genesung ist möglich.
Die Ausbildung folgt meist dem EX-IN-Modell (Experienced Involvement) und dauert etwa ein Jahr. Die Arbeit wandelt sich von reiner Ehrenamtlichkeit zu einer budgetierten Säule der Versorgung. Beispielsweise erhielt die Peer-Bewegung „Achterbahn Steiermark“ kürzlich eine Förderung von 165.000 Euro.
Neue Ausbildungsgänge, wie sie aktuell in Brixen oder im Rhein-Kreis Neuss starten, verzeichnen hohe Nachfrage. Sie sollen den eklatanten Personalmangel lindern.
Der Peer-Ansatz etabliert sich auch in der Prävention. Der Kanton Solothurn in Schweiz startete ein Aktionsprogramm zur Gesundheitsförderung. Weil ein Drittel der 14- bis 19-Jährigen von psychischen Problemen berichtet, setzt man auf niederschwellige Angebote wie einen Peer-Chat.
Auch in Deutschland rücken Programme an Schulen in den Fokus. Bei „SOS-Mental Health Peers“ schulen Jugendliche ab der achten Klasse Gleichaltrige. Experten betonen: Solche vertrauensvollen Angebote können Probleme früh abfangen, bevor eine klinische Behandlung nötig wird.
Der rein medizinische Ansatz zeigt Lücken. Gesundheitsökonomen sehen in Genesungsbegleitern eine kosteneffiziente und menschenrechtlich gebotene Lösung. Erfolgsmodelle wie das „Home-Treatment“, bei dem Teams Patienten zu Hause betreuen, existieren aber nur punktuell.
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Der flächendeckende Ausbau scheitert an starren Kassenstrukturen und Personalmangel. Die Peer-Bewegung kämpft seit Jahren für eine reguläre Abrechenbarkeit ihrer Leistungen. Der aktuelle Bericht verleiht diesen Forderungen neuen politischen Druck.
In den kommenden Monaten dürften die Diskussionen über eine verbindliche Integration von Peer-Support zunehmen. Der Bericht erhöht den Druck auf Ministerien und Klinikbetreiber, die Bedingungen für ausgebildete Peers zu verbessern.
Langfristig erwarten Experten einen Paradigmenwechsel. Die Rolle der Patienten wandelt sich vom passiven Empfänger zum aktiven Experten. Konsequent umgesetzt, könnte der Einsatz von Genesungsbegleitern bis Ende des Jahrzehnts vom Zusatzangebot zum verpflichtenden Qualitätsstandard werden.
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