Forscher des King's College London stellen das bisherige Verständnis der Alzheimer-Erkrankung auf den Kopf. Ihre heute in Translational Psychiatry veröffentlichte Studie zeigt: Das früheste Stadium ist nicht durch einen Verlust, sondern durch eine krankhafte Überproduktion von Nervenverbindungen gekennzeichnet. Noch bemerkenswerter: Ein experimentelles Krebsmedikament konnte diese fatale Übervernetzung im Labor stoppen.
Bisher galt der Verlust von Synapsen als erstes Alzheimer-Anzeichen. Die neuen Daten zeichnen ein anderes Bild. Die Wissenschaftler setzten Rattengehirnzellen fünf Tage lang niedrigen Dosen des Alzheimer-Proteins Amyloid-beta aus. Das Ergebnis: Die Zellen bildeten chaotisch zu viele neue Verbindungen.
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Dieses Muster, Hyperkonnektivität genannt, entspricht genau den Veränderungen im Gehirn von Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI). Diese Phase geht dem massiven Gedächtnisverlust oft voraus. Das Gehirn scheint sich in der Frühphase instabil zu vernetzen – was später zum Kollaps der Schaltkreise führt.
Gegen diese schädliche Vernetzung testeten die Forscher den experimentellen Krebswirkstoff eFT508. Das Medikament, das auf das Enzym MNK abzielt, wurde bisher nie bei neurodegenerativen Krankheiten untersucht. Im Labor verhinderte es den durch Amyloid-beta ausgelösten Anstieg der Zellverbindungen erfolgreich.
Der Effekt ging tiefer: eFT508 normalisierte etwa 70 Prozent der veränderten Proteinproduktion in den Zellen. Der Wirkstoff greift also nicht nur oberflächlich ein, sondern korrigiert die molekularen Fehlsteuerungen durch das toxische Protein. Die Blockade des MNK-Enzyms könnte so ein neuer Hebel gegen frühe Demenzprozesse sein.
Die Entdeckung gelang mit einer ausgefeilten Methode. Mittels Expansionsmikroskopie zählten die Forscher die Verbindungen zwischen Neuronen präzise und machten einzelne synaptische Boutons sichtbar. Nur so ließ sich die fehlerhafte Architektur nach Amyloid-beta-Kontakt zweifelsfrei nachweisen.
Parallel identifizierten Proteinanalysen 49 veränderte Proteine, die in der Frühphase gemeinsam die Übervernetzung vorantreiben. „Dieses System könnte wie eine sich selbst verstärkende Schleife wirken“, erklärt Studien-Erstautor Kaiyu Wu. Amyloid-beta schaffe Bedingungen für noch mehr Amyloid-beta – ein Teufelskreis, den neue Therapien früh durchbrechen müssten.
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Die von der Alzheimer's Society finanzierte Studie markiert einen Wendepunkt. Der Fokus verschiebt sich vom späten Synapsenverlust zur frühen, fehlerhaften Überproduktion. „Wir zeigen einen vielversprechenden Behandlungsansatz für Gedächtnisverlust bei frühem Alzheimer“, sagt Leitautor Professor Karl Peter Giese.
Die Arbeit unterstreicht zudem das Potenzial von „Drug Repurposing“ – der Wiederverwendung bestehender Medikamente. Da eFT508 bereits in Krebsstudien erprobt wird, könnten Zulassungsprozesse für neurologische Anwendungen beschleunigt werden. Dieser Brückenschlag zwischen Krebs- und Neurowissenschaft gilt als kostengünstiger und schnellerer Weg zu neuen Therapien.
Trotz der Euphorie ist Vorsicht geboten. Die Laborergebnisse müssen nun in Tiermodellen validiert werden, bevor Studien am Menschen denkbar sind. Die Übertragung von Zellkultur-Erkenntnissen auf das lebende Gehirn bleibt eine große Herausforderung.
Fallen die weiteren präklinischen Tests positiv aus, könnten in den nächsten Jahren erste klinische Studien folgen. Für Millionen Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen bietet dieser Ansatz eine neue Hoffnung: den Ausbruch der vollen Alzheimer-Symptomatik nicht nur zu verzögern, sondern die Krankheit an der Wurzel zu packen.
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