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Die Perestroika des Kapitalismus, Episode 14: Der Januskopf der Globalisierung und der Übergang ins Unsinnige (Klaus Woltron)

Bild A, Sommer 2002: Drei Freunde treffen einander nach Feierabend in einem Kleinstadt-Café. A, Angestellter in einem Autofachmarkt, jubiliert, wie viel er sich mit seinen Fahrten zum Zahnarzt nach Sopron erspart. B, ein Facharbeiter in einer Fabrik für Elektrowerkzeuge, hänselt A, dass die Freundschaft das eine, der Kauf von Alu-Felgen im Markt jenseits der Grenze, das (billige) andere sei. Und C,Assistentin bei einem Zahnarzt, schwört auf den Elektrogroßmarkt vor Bratislava, wo die Geräte selbst zwar auch nicht mehr so günstig wären, doch Reparaturen um einiges preiswerter seien.

Bild B, ein Jahr später. Statt im Café treffen einander die drei auf dem Arbeitsamt: Der Autofachmarkt musste die Hälfte der Leute kündigen, weil immer mehr Autofahrer jenseits der Grenzen ihre Boliden aufrüsteten; die Fabrik für Elektrowerkzeuge hat die Produktion in die Slowakei verlagert, wo trotz Aufholprozess die Löhne nicht einmal halb so hoch sind; und der Zahnarzt hat angesichts des „Sopron-Sogs“ die Sicherheit eines Krankenhaus-Labors der Unsicherheit seiner Praxis vorgezogen[i].

 

(Die bisher veröffentlichten Episoden dieser Serie finden sich unter https://www.facebook.com/kwoltron/notesNächste Episode: Das Gesetz von der Konstanz der Unzufriedenheit

 

 

Die Motivation von Großkonzernen, in Länder mit niedrigeren Sozial- und Umweltstandards zu übersiedeln, ist unterschiedlich. Einerseits werden deren Manager von renditehungrigen anonymen Aktionären und ihren Sachwaltern, den Fondsgesellschaften, zur Gewinnmaximierung getrieben. Andererseits verlangen gerade jene Arbeitnehmer, die von derartigen Verlagerungen getroffen werden, in ihrer Eigenschaft als Konsumenten billige Produkte, die von ihnen selbst nurmehr teurer hergestellt werden können. Sie zwingen paradoxerweise ihre eigenen Arbeitgeber dazu, die Fertigung anderswo billiger aufzubauen. Drittens ist auch die Eroberung  neuer Absatzmärkte durchdie Errichtung lokaler Produktionsstandorte ein wesentliches Motiv, z. B. für die Autoindustrie, die in China und Indien wegen der dortigen Marktchancen eigene Produktionen aufbaut. Das folgende aktuelle Beispiel verdeutlicht die Motivationen und Zwänge der einzelnen Spieler: 

Im Jahr 2007 beschloss der finnische Elektronikkonzern Nokia, die Produktion von Mobiltelefonen imdeutschen Bochum zu schließen und ins rumänische Cluj (Klausenburg) zu verlagern. 2600 Mitarbeiter in Bochum verlieren ihren Arbeitsplatz, in Rumänien entstehen tausende neue Fertigungs- Arbeitsplätze. 

 

Espoo, Finnland: DerAufsichtsratsvorsitzende

„In den vergangenen Jahren ist versucht worden, die Produktion in Bochum effizienter zu gestalten“,rechtfertigt der Aufsichtsratsvorsitzende Veli Sundbäck die Schließung.„Trotzdem ist es nicht gelungen, Bochum im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu machen. Allein die Arbeitskosten sind in Deutschland zehn Mal höher als in Rumänien, der Standort ist im internationalen Vergleich nicht mehr rentabel.“[ii]

Bochum, Deutschland:  Der Betriebsrat

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Werner Hammer nennt es einen"K.o.-Schlag", die IG-Metall-Bevollmächtigte Ulrike Kleinebrahm findet es "ungeheuerlich". Die Schließung des Nokia-Werks hat die 2300 Mann starke Belegschaft völlig unvorbereitet getroffen. 

"Das ist eine absolute Sauerei", ereifert sich Barbara Wisniewski vor den Werkstoren.Geahnt habe sie nichts von den Plänen der Konzernführung. Wie viele ihrer Kollegen hat sie erst aus dem Radio von der geplanten Stilllegung der Handy-Produktion erfahren.[iii]

Cluj, Rumänien:  Der Bürgermeister

Nokia investiert in Rumänien etwa 60 Millionen Euro zum Aufbau eines neuen Werks. Nach Aussagen des Bürgermeisters von Cluj erwartet die Stadt gerade hier die größten Investitionen und Beschäftigungseffekte. Zu den 3000 bis 4000 Arbeitsplätzen bei Nokia sollen demnach noch einmal 10.000 Arbeitsplätze bei den Zulieferern hinzukommen. Auch dies wird den Wettbewerb um die Arbeitskräfte verschärfen. 

Ausschnitt aus einem Interview mit dem Bürgermeister von Cluj, Jänner 2008:[iv]

„NRZ: Herr Boc - wie haben Sie Nokia überredet, nach Klausenburg zu kommen? 

Boc: Einerseits mit der erstklassigen Qualität der Arbeitskräfte hier, Klausenburg hat zehn öffentliche und private Hochschulen. Außerdem sind die Stundenlöhne geringer als irgendwo sonst in Rumänien. Und schließlich haben wir auch einen internationalen Flughafen. 

NRZ: Sie haben zwei Jahre lang Geheimverhandlungen mit Nokia geführt? 

Boc: Ja.

NRZ: Woher kommt das Geld für die Infrastruktur in Ihrem Gewerbepark? 

Boc: Ich kann Ihnen versichern, der überwiegende Teil sind lokale und regionale Mittel. 

NRZ: Offenbar hat sich aber auch die Zentralregierung in Bukarest mit Millionen-Beträgen ins Zeug gelegt,um die Weltfirma Nokia nach Klausenburg zu holen. 

Boc: Diese Beteiligung ist geringer als die Aufwendungen der lokalen und regionalen Instanzen.Außerdem möchte ich klarstellen, dass keinerlei EU-Geld in dieses Projekt geflossen ist. 

NRZ: War Ihnen während der Verhandlungen bewusst, dass mit dem Umzug des Unternehmens nach Klausenburg Tausende Arbeitnehmer in Bochum ihren Arbeitsplatz verlieren? 

Boc: Sehen Sie, Nokia ist schon von Finnland nach Deutschland gezogen, um Gewinn zu machen. Jetzt haben sie sich entschieden, von Deutschland nach Rumänien zu ziehen, um einen noch größeren Gewinn zu machen. Und wer weiß − vielleicht werden sie in einigen Jahren wieder woandershin ziehen! Das ist die Marktwirtschaft, wie sie die EU uns so ans Herz gelegt hat.“ 

Wer bisher der Meinung war, dass es sich bei der Globalisierung um ein Spiel handelt, bei dem nur die Konzerne gewinnen, sollte damit eines Besseren belehrt sein. Es gibt im geschilderten typischen Fall zumindest zwei Gewinner: Erstens die Konsumenten der Mobiltelefone, die von den niedrigen Preisen profitieren (und den Konzern indirekt dazu zwingen, seine Kosten durch Fertigungstransfer zu senken, um nicht konkurrenzunfähig zu werden) sowie die Arbeiter im neuen Werk in Rumänien. Die Verlierer sind zunächst die Mitarbeiter im gesperrten Werk in Bochum. Wie die Erfahrung zeigt, finden qualifizierte  Menschen in solchen Fällen in Bälde einen neuen Arbeitsplatz. Auf der Strecke bleiben die schlecht ausgebildeten Frauen und Männer in den Hochlohnstaaten Europas. Diese geraten zunehmend in die Schere zwischen der Auslagerung niedrig qualifizierter Arbeitsplätze und der Immigration von Menschen aus dem Osten, die gewillt sind, auch zu sehr niedrigen Löhnen tätig zu werden. 

 

(Einschub 2014: Mittlerweile ist Nokia ebenfalls Geschichte und wurde von MS geschluckt). 

 

Der Übergang ins Unsinnige

 

Jeder lang andauernde Prozess, dem sich kein hemmender Effekt entgegenstellt, führt unweigerlich zu einem krassen Systemwandel oder Systemzusammenbruch. Dies gilt für das Räuber-Beute-Schema gleichermaßen wie für eine Fieberkurve, für die Entwicklung einer Population oder auch Essen und Trinken,Alkoholkonsum oder Geldausgeben. Die Liste dieser Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Alles, was eine gewisse Grenze übersteigt, sich einem Übermaß annähert, kehrt sich in sein Gegenteil, wird vom Segen zum Fluch, vom erwünschten Ziel zur unerwünschten Nebenwirkung. Betrachtet man die zunehmend mächtiger werdenden Nebenwirkungen des Kapitalismus und der Globalisierung, so erkennt man auch 

dort die Wirksamkeit dieses Gesetzes. 

 

Die Asymptote

 

In der Mathematik beschreibt man Begrenzung durch den Begriff der Asymptote. Er bezeichnet eine Gerade, der sich eine Kurve nähert, ohne sie jedoch im Endlichen zu erreichen.Die Kurve verläuft ins Unendliche. Ein Beispiel: Man kann versuchen, sehr, sehr laut zu schreien. Die Lautstärke wird ansteigen, die Anstrengung noch mehr, und so fort, bis man an eine Grenze stößt, wo die Anstrengung schon unerträglich ist – allein, ein bestimmtes Ausmaß an Getöse wird man nie überschreiten können. Dort nähert sich die Kurve der Asymptote, jenem Schallpegel, den man trotz Aufbietung aller Kräfte gerade nicht mehr erreichen kann. Es gibt viele solche Beispiele: das sukzessive Erreichen der Höchstgeschwindigkeit eines Fahrzeugs oder Läufers, den zeitlichen Verlauf des Ertrags eines Bergwerks, die Wirksamkeit der Werbung, das Wachstum der Bevölkerungsdichte einer Tierart in einem begrenzten Raum. In einem solchen Stadium scheint sich unsere Art der Organisation des Wirtschaftens zu befinden:Im Volksmund wird dieser Zustand durch das schnoddrige Gleichnis „Die Suppe wird teurer als das Fleisch“ oder "Die kriegen den Hals nicht voll"treffend beschrieben.[v]  

Die Globalisierung bzw. deren für uns jetzt unangenehme Auswirkungen sind Spätfolgen der zunächst ganz zu Gunsten der Industriestaaten laufenden internationalen Arbeitsteilung.Wir haben Rohstoffe billig bezogen, haben die "Eingeborenen" mit niedrigsten Löhnen abgespeist, Kinderarbeit ausgenützt und ihnen unseren Schrott angedreht. Irgendwann schlug dann dasSystem zurück (zuerst Japan, dann die asiatischen Tigerstaaten, jetzt Indien und China).  Wenn es uns, den„Entwickelten“, nicht gelingt, in der Wertschöpfungskette immer weiter „nach oben“ zu kommen, also immer kompliziertere und Know-how-trächtigere Produkte zu entwickeln,könnten wir uns, ehe wir es uns versehen, ganz unten wiederfinden. Und zwar solange, bis wir „ armen Westler“ die dann vielleicht faul und behäbig gewordenen Asiaten oder Afrikaner von ihrem hohen Ross stoßen können. 


[i] Matthäus Kattinger, Raiffeisen – Zeitung, 15April 2004 

[ii]DER SPIEGEL Online. 15. Jänner2008

[iii]DER SPIEGEL Online. 15. Jänner2008

[iv]NORBERT MAPPES-NIEDIEK:  Jucu jubeltwegen Nokia, Der Westen.de; NRZ, 18.01.2008, 

[v] Klaus Woltron, Die sieben Narrheitendes 21.Jahrhunderts ; NÖ. Pressehaus Verlag, 2003

(Die bisher veröffentlichten Episoden dieser Serie finden sich unter https://www.facebook.com/kwoltron/notesNächste Episode: Der Januskopf der Globalisierung



(12.02.2015)

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Klaus Woltron

ist ein österreichischer Unternehmer , Buchautor und Kolumnist. Er ist Gründungsmitglied des Club of Vienna und war aktives Mitglied bis zum April 2008. Hier berichtet er u.a. über "Die Perestroika des Kapitalismus".

>> https://www.woltron.com/


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